Rybalśke (Kandel)
Kandel (früher Rybalske, heute - Lymanske) war eine deutsche Kolonie, die 1808 von römisch-katholischen Siedlern aus dem Elsass, der Pfalz, Bayern, Preußen und Österreich gegründet wurde. Ursprünglich gehörte sie von 1808 bis 1871 zum Kutschurganer Kolonistenbezirk des Odesaer Kreises des Gouvernements Cherson. Heute liegt das Gebiet der ehemaligen Kolonie im Rajon Rozdilna der Oblast Odesa.
Kandel ist die Heimat des deutschen Publizisten und Historikers Anton Bosch.
Die wirtschaftliche Grundlage der Kolonisten bildeten Ackerbau und Viehzucht. Versuche, die Feinwollschafzucht zu entwickeln, waren erfolglos. Bedeutende Rollen spielten Weinbau, Obstbau, Gemüseanbau sowie die Öl- und Mühlenproduktion. Neben Landwirten ließen sich in Kandel auch verschiedene Handwerker nieder. Die Kolonisten stellten selbst Stoffe her und nähten ihre Kleidung.
Die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht im Jahr 1874 veranlasste mehrere Familien aus Kandel, nach Nord- und Südamerika auszuwandern.
Im Jahr 1892 wurde in der Kolonie die Pfarrkirche St. Michael im neoromanischen Stil errichtet. Sie wurde vom Bischof Anton Zerr geweiht. Eine eigenständige Pfarrei wurde 1896 gegründet.
Zu Beginn des Ersten Weltkriegs schränkten die Mobilisierungsgesetze die bürgerlichen Rechte der deutschen Bevölkerung ein, einschließlich des Unterrichts in der Muttersprache. Die Schule in Kandel wurde geschlossen. Revolution und Bürgerkrieg sowie bewaffnete Überfälle zerstörten die Wirtschaft der Kolonisten. Häufige Machtwechsel gingen mit Beschlagnahmungen und Requisitionen einher. Im Sommer 1919 beteiligten sich die Einwohner Kandels am antibolschewistischen Großliebentaler Aufstand.
Die sowjetischen Reformen wurden von den Kolonisten überwiegend negativ aufgenommen. Die Politik der Lebensmittelablieferungen und die Dürre führten 1921–1922 zu einer massenhaften Hungersnot, an der etwa 450 Menschen starben. 1929 begann in Kandel die Kampagne der Enteignung und Kollektivierung. Während der Hungersnot 1932–1933 starben rund 300 Einwohner. Im Rahmen des Terrors 1937–1938 wurden 98 Personen erschossen.
Im Sommer 1941 geriet Kandel in die von rumänischen Truppen besetzte Zone. Die deutsche Bevölkerung stand unter der Verwaltung des SS-Sonderkommandos „R“ (Sonderkommando R). Am 19. März 1944, angesichts des Vormarsches der Roten Armee, wurden die Einwohner Kandels auf Befehl in den Reichsgau Wartheland (Polen) evakuiert. Nach dem Krieg wurden sie in die UdSSR repatriiert.
Kandel hörte als deutscher Siedlungsort auf zu bestehen. An seine früheren Bewohner erinnern heute nur die erhaltenen Ruinen des Kostels.